Leseprobe Ignis

Leseprobe IGNIS

Leseprobe zu Band 2

Die Nacht der Dämonen

 

Die Nacht roch nach Eisen und Rauch. 

Korran der Schmied konnte das Blut noch nicht sehen. Die Dunkelheit verschluckte zu viel, und das flackernde Licht seiner Esse warf mehr Schatten als Klarheit, aber er konnte es riechen. Metallisch. Schwer. Ein Geruch, der sich auf die Zunge legte wie bitterer Wein und dort verweilte, unerwünscht und unentrinnbar. 

Seine Finger, rau von zwei Jahrzehnten des Schmiedens, ruhten einen Moment lang still auf dem glühenden Eisen vor ihm. Der Hammer in seiner Rechten – vertraut wie ein alter Freund, schwer wie ein Urteil – zögerte in der Luft. Draußen, jenseits der dicken Steinmauern seiner Werkstatt, hatte sich etwas verändert. 

Die Stadt atmete anders. 

Pyrros war eine geschäftige Handelsstadt, lebendig selbst nach Sonnenuntergang. Die Geräusche des Abends waren ihm so vertraut wie sein eigener Herzschlag: das Lachen betrunkener Kaufleute aus der Taverne drei Straßen weiter, das Knarren hölzerner Karren auf Kopfsteinpflaster, die Nachtrufe der Wachen von den Mauern. Selbst die Luft zwischen diesen Klängen hatte eine Qualität – warm, dicht, vertraut. 

Heute Nacht war die Stille eine andere. 

Sie lag über der Stadt wie eine Decke aus Schnee, die alle Geräusche erstickte. Zu schwer. Zu vollständig. Als hätte jemand der Welt den Atem gestohlen und vergessen, ihn zurückzugeben. 

Der Hammer fiel. 

Tang. 

Der Klang hallte durch die Werkstatt, zu laut in der unnatürlichen Ruhe. Funken stoben wie verzweifelte Sterne und verglühten in der Dunkelheit zwischen Amboss und Wand. Der Schmied atmete tief ein – Hitze, Metall, die vertrauten Gerüche seiner Schmiede – und versuchte, die wachsende Unruhe in seiner Brust zu ignorieren. 

Es gelang ihm nicht.

„Korran!“ Der Ruf erklang aus dem angrenzenden Wohnbereich, und trug eine Dringlichkeit, die seine Wirbelsäule wie eiskaltes Wasser hinunterrann. 

Alia. 

Er ließ den Hammer fallen. 

Sie stand in der Tür, eine Hand flach gegen den steinernen Türrahmen gepresst, die andere auf ihrem hochgewölbten Bauch. Ihr Gesicht war für gewöhnlich von einem warmen Leuchten erfüllt, das ihn immer an Kerzenschein in dunklen Räumen erinnerte. Doch nun war es angespannt. Die Sommersprossen auf ihren Wangen, die er so liebte, stachen deutlicher hervor als sonst. 

Ihre Augen, grün wie junges Moos nach dem Regen, waren weit aufgerissen. 

„Es kommt.“ Ihre Stimme zitterte wie eine Saite, die zu straff gespannt worden war. „Das Kind, Korran, es kommt jetzt.“ Sein Herz stolperte. 

Drei Wochen zu früh. Die Hebamme hatte gesagt, drei Wochen noch, vielleicht vier. Sie hatten Zeit. Sie waren vorbereitet. Alles lag bereit – saubere Tücher, Wasser, Kräuter. Die Hebamme wohnte nur zwei Straßen entfernt. Alles war kontrolliert, geplant, sicher.

Korran starrte auf seine Hände. Zwanzig Jahre Schmiedearbeit. Zwanzig Jahre Kontrolle. „Nichts läuft je nach Plan, oder? Ich hole die Hebamme.“ Er war bereits in Bewegung, seine langen Schritte trugen ihn zu ihr. Seine Hände – zu groß, zu grob für etwas so Zartes – fanden ihre Schultern, stützten sie. „Atme. Es wird alles gut. Ich bin gleich zurück.“ Ein Schrei zerriss die Nacht. 

Aber es war nicht seine Frau, die schrie. 

Der Schmied erstarrte. Seine Finger krampften sich um ihre Schultern, zu fest vielleicht, aber er konnte sich nicht dazu bringen, loszulassen. Der Schrei drang von Draußen an seine Ohren. Hoch, schrill und definitiv unmenschlich. 

Ein zweiter Schrei folgte. Dann ein dritter. 

Dann Dutzende. 

Ihre Hand schloss sich um sein Handgelenk, ihre Nägel gruben sich in seine Haut. „Was ist das?“ Sie brachte die Worte kaum heraus, als hätte die Angst ihr die Luft gestohlen. 

Korran wusste es nicht. Wollte es nicht wissen. Aber sein Körper – trainiert durch Jahre harter Arbeit, gehärtet durch eine Kindheit in den rauen Grenzlanden – handelte bereits, bevor sein Verstand aufholen konnte. 

„Nach hinten.“ Seine Worte klangen rauer, als beabsichtigt. „Ins Versteck. Jetzt.“ 

„Aber die Hebamme…“ 

„Jetzt, Alia.“ 

Etwas in seinem Ton, vielleicht die Schärfe, vielleicht die blanke Angst, die darunter vibrierte, ließ sie nicken. Sie stolperte, und er fing sie auf, sein Arm um ihre Taille, trug mehr von ihrem Gewicht als sie selbst. Gemeinsam bewegten sie sich durch den schmalen Flur, vorbei an der Küche mit ihrem kaltgewordenen Abendessen auf dem Tisch, vorbei an den Wandteppichen, die Alias Mutter gewebt hatte, vorbei an allem, was dieses Haus zu einem Zuhause machte. 

Hinter ihnen, durch die noch offene Tür zur Werkstatt, sah er etwas, das sein Blut zu Eis werden ließ. 

Ein Schatten huschte vorbei. Zu schnell. Zu falsch. Seine Form gehorchte nicht den Regeln, die Schatten normalerweise befolgten – sie war kantig, wo sie fließend sein sollte, still, wo sie sich bewegen sollte. 

Dann sah er die Flügel. 

Sie waren lederartig, zerrissen an den Rändern wie alte Segel nach einem Sturm. Sie schlugen gegen den rauchverhangenen Nachthimmel, und jeder Schlag brachte einen Klang hervor wie reißender Stoff. Oder reißendes Fleisch. 

„Schneller“, keuchte er. 

Die Falltür zum Versteck war unter dem Arbeitstisch in der Vorratskammer verborgen. Korran hatte sie vor Jahren gebaut, auf Anraten eines wandernden Kriegers, der einmal gesagt hatte: „Ein weiser Mann bereitet sich auf Tage vor, die nie kommen mögen. Ein toter Mann wünscht, er hätte es getan.“ 

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