TERRA
Leseprobe zu Band 1
Das Lied der ersten Spaltung
Vor zehntausend Jahren, als die Welten noch eins waren.
In den Zeiten vor der Erinnerung, als Himmel, Hölle und Erde noch ein einziges, atmendes Universum bildeten, da lebten zwei Brüder im Herzen aller Schöpfung. Ihre Namen hallten durch die ungespaltene Realität wie Donner und Windhauch: Aamon, der Ordner, und Malakor, der Wandler.
Sie waren beide Söhne des Ersten Lichts, geboren aus der ursprünglichen Harmonie, die alle Existenz durchdrang. Wo Aamon schritt, entstanden perfekte Kristallformationen und mathematische Wunder, die das Auge erfreuten und den Geist beruhigten. Seine Flügel, sechs an der Zahl, schimmerten wie gefangenes Sternenlicht, und jede Feder sang ein Lied der ewigen Ordnung. Er war der Architekt der Stabilität, der Hüter der Gesetze, die das Chaos in Schach hielten.
Malakor hingegen war das Feuer der Veränderung. Seine Gegenwart ließ Blumen in unmöglichen Farben blühen und Ströme neue Wege finden. Seine Flügel, ebenso prächtig wie die seines Bruders, flackerten zwischen Schatten und Licht, zwischen dem, was war, und dem, was sein könnte. Er war der Künstler der Möglichkeiten, der Patron des Wachstums, der Beschützer aller, die nach mehr strebten.
Jahrtausende lang arbeiteten sie in vollkommener Ergänzung. Wo Aamon Struktur schuf, brachte Malakor Leben hinein. Wo Malakor Chaos entfesselte, ordnete Aamon es zu neuer Schönheit. Ihre Liebe zueinander war legendär, ihre Zusammenarbeit ein Wunder, das alle Wesen der ungespaltenen Welt inspirieren ließ.
Doch wie alle großen Tragödien begann auch diese mit einer einzigen, scheinbar harmlosen Frage.
Es war Seraphiel, der Weise, der sie zuerst aussprach. Er stand zwischen den Brüdern auf der Großen Versammlung, wo alle Wesen - Engel und Dämonen, Menschen und Elementarwesen, die großen Geister und die kleinen Funken - zusammenkamen, um die Zukunft ihrer gemeinsamen Existenz zu beraten.
„Brüder," sagte Seraphiel, und seine Stimme trug die Weisheit von Äonen, „ich habe in die Spiegel der Zeit geblickt. Ich sehe einen Moment kommen, da unsere Welt vor einer Wahl stehen wird. Das Chaos wächst. Die freien Entscheidungen der Wesen schaffen Ungleichgewicht. Leiden entsteht. Kriege drohen. Was sollen wir tun?"
Aamon antwortete zuerst, wie es seine Art war. „Die Lösung ist klar, mein Bruder. Wir müssen stärkere Gesetze schaffen. Klare Regeln, die befolgt werden müssen. Ordnung, die so perfekt ist, dass Leiden unmöglich wird. Wenn alle Wesen ihre richtigen Plätze kennen und einnehmen, wird Harmonie herrschen."
Die Hälfte der Versammlung nickte zustimmend. Es klang so vernünftig, so sicher. Wer wollte nicht das Ende allen Leidens?
Aber Malakor schüttelte den Kopf, und seine Flügel warfen Schatten, die wie tanzende Flammen flackerten. „Nein, geliebter Bruder. Ordnung ohne Wahl ist keine Harmonie - sie ist Tod. Die Wesen müssen frei bleiben zu wählen, zu wachsen, zu scheitern und wieder aufzustehen. Nur durch diese Freiheit können sie wahrhaft leben. Wir sollten sie leiten, nicht kontrollieren."
„Aber siehst du denn nicht das Leid, das aus ihren schlechten Entscheidungen entsteht?" Aamons Stimme bebte vor aufrichtiger Sorge. „Die Kriege, den Hunger, die Ungerechtigkeit? Wenn wir die Macht haben, das zu verhindern - ist es dann nicht Pflicht, sie zu nutzen?"
„Und siehst du nicht," erwiderte Malakor mit ebenso großer Leidenschaft, „dass ein Leben ohne Wahl kein Leben ist? Was ist Liebe wert, die erzwungen wird? Was ist Güte wert, die keine Alternative kennt? Die Wesen müssen die Freiheit haben zu fallen, damit ihre Erhebung Bedeutung hat."
Die Versammlung spaltete sich. Engel und Menschen auf der einen Seite, Dämonen und Elementarwesen auf der anderen. Manche schwankten zwischen beiden Positionen, hin- und hergerissen zwischen der Verlockung der Sicherheit und dem Ruf der Freiheit.
Tage vergingen in leidenschaftlichen Debatten. Die Brüder sprachen miteinander, flehten einander an, zu verstehen. Aber je länger sie diskutierten, desto tiefer wurde der Graben zwischen ihnen.
„Du würdest lieber Tyrann sein als Lehrer," sagte Malakor in der letzten Nacht vor der Entscheidung.
„Und du würdest lieber Anarchist sein als Beschützer," antwortete Aamon mit gebrochenem Herzen.
Am nächsten Morgen, als die goldenen Strahlen des Ersten Lichts die Versammlung beschienen, sprach Seraphiel die Worte, welche die Welten für immer verändern sollten:
„Es kann nur eine Wahrheit geben. Wenn die Brüder sich nicht einigen können, muss die Realität selbst entscheiden."
Und die Realität antwortete.
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